
>> Berlin das ist 'ne schöne Stadt, da lässt sich's prima leben, drum fahren wir woanders hin - benehmen uns daneben. << Das gilt alles nicht mehr, seit rücksichtslos verbreitet wurde, Berlin sei the place to be. An sich ist dagegen ja nichts zu sagen. Berlin verdankt der Welt viel, wenn nicht alles und somit ist die Welt hier gern als Gast gesehen. Die Welt, nicht die Dörfer wohlgemerkt! Trotz allen Gejammers über die gestiegenen Lebenshaltungskosten in der Hauptstadt scheint sie immer noch billig (nicht preiswert, billig) genug zu sein, um Massen von Klein- und Mittelstadtbewohnern anzuziehen, die sich in den angesagten Vierteln, die sie aus den Insider-Tipps der Marco Polo Reiseführer kennen niederlassen.

Wenn man sich an einem durchschnittlichen Wochenende in den "hippen" Zonen der Stadt bewegt, denkt man unwillkürlich daran, wie sehr die Bürgermeister von Rheda-Wiedenbrück, Visselhövede, Bad Lippspringe, Pforzheim, Schwäbisch Hall, Siegen, Neuss und ähnlichem leiden müssen unter dem Wegzug der Jugendlichen, die sich alle in Berlin zu tummeln scheinen. Das ärgerliche ist nur, dass diese Menschen ihre provinziellen Einstellungen und Ansichten mitbringen und hier weiter kultivieren. Nichts mit Weltstädtischer Attitüde. Man gibt sich nur den Anschein der Weltläufigkeit, bleibt aber in Mitte/Prenzlauer Berg/Friedrichshain hängen und kennt von der Stadt nicht mehr als das Karree aus Kneipe, Club, Kippenautomat und Klamottenladen. Sie ziehen völlig selbstverständlich aus ihren im tiefen tiefen Westen gelegenen Provinznestern in die drei vermeintlichen Ostbezirke und schauen einen an als sei man ein Aussätziger, wenn man in Tiergarten wohnt. "Das ist doch Westen, oder!? Ja, ist es. Aber ich hab schon zweiundzwanzig Jahre im Osten gewohnt, jetzt ist mal was anderes dran! "

Des weiteren kann man tatsächlich auch westlich des Brandenburger Tores some quality time verbringen und muss nicht den ganzen Tag auf der Suche nach den hässlichsten DDR-Möbeln durch irgendwelche einsturzgefährdeten Hinterhöfe kriechen und Exil-Münchner horrende Summen für absurd hässliches Diktaturmobiliar in den Rachen werfen, auf dass diese sich dann im P1 in München über die ganzen Berliner totlachen. Diese Menschen sind es auch, die den so genannten Mitte-Chic zur Schau stellen. Der Berliner selbst ist viel zu entspannt und gleichgültig, um sich mit solcherlei Popanz auseinander zusetzen. Das ist ihm zu viel Aufwand. Wenn am Wochenende ausgegangen wird, dann eben nur, um Spaß zu haben und sich mit Freunden zu treffen und nicht, um irgend etwas zu präsentieren.

Der Stil, der von diesen Zuzügler gepflegt wird, ist an Angestrengtheit nur schwer zu überbieten. Einerseits soll die Kleidung ein gewisses Laisser-faire und Gleichgültigkeit zum Ausdruck bringen, leider wirkt das auf den Betrachter so gewollt und konstruiert, dass es natürlich unglaubwürdig wird. Auch die Individualität, die diese Kleidung zum Ausdruck bringen soll fällt hinten runter, wenn alle sie tragen. Die abgerissenen 80er-Jahre T-Shirts mit aufgedruckten Logos der schlechtesten Fernsehserien der Neuzeit sind auch alle gleich! Ob da nun Colt Seevers oder Agentin mit Herz drauf steht, ist einerlei! Auch die Cargohose hat ihre maximale Variabilität bereits voll ausgereizt. Da ist doch auch alles schon gesehen worden.

Auch die rheinisch-westfälische Vokuhila-Frisur in ihrer ganzen Abscheulichkeit ist auch wieder auf dem Vormarsch und findet ihr modische Äquivalent in der tarngrünen Röhrenhose, die von Hosenträgern (!) über einem Feinrippunterhemd gehalten wird. Das ultimative Accessoire darf natürlich nicht fehlen: das Schweißband. Oder der Pulswärmer? Ja, so gehen Menschen aus dem Hause. Und nicht etwa nur, um den Müll rauszubringen, nein, so geht's dann auch gleich mal ins Restaurant!
Da lobe ich mir doch den oberflächlichen, den langweiligen und entindividualisierenden Style, den der große Kulturimperialist von der anderen Seite des Atlantiks rüberschickt! Smart Casual nennt sich das: mit blauer Jeans und weißem Longsleeve! God bless America!
Folgender Link sei dem geneigten Leser ans Herz gelegt:
The Hipster Handbook
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